28 Tage später

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mOi!n Leute. Heute mal nichts über Fußball. Heute geht’s hier mal um mich. Vielmehr darum, was mich neben dem Fußball in den letzten Wochen bewegt hat. Ich habe diesen Beitrag in Gedanken schon zigmal geschrieben. Viele Gedanken, viele Überlegungen - irgendwie finde ich heute Abend nichts davon wieder. Vielleicht fangen wir mal anders herum an. Vor 28 Tagen habe ich etwas begonnen, das heute endet.

Vor 28 Tagen hatte ich das Gefühl, dass sich etwas tut. Flüchtende Menschen kamen in die Städte dieses Landes und wurden freundlich begrüßt. Ich habe immer mehr offene bis positive Nachrichten gelesen, wenn es um die ankommenden Hilfesuchenden ging. Auf der anderen Seite verging aber auch kein Tag, ohne die Nachricht über eine brennende Unterkunft für eben diese Menschen. Und keine dieser Nachrichten schaffte es ohne mindestens eine Beifallsbekundung im Kommentarbereich oder den sozialen Medien.

Zu dieser Zeit wollte ich einfach etwas tun. Mir war es wichtig, mich zu positionieren. Meine Haltung zu den Geschehnissen klarzustellen. Ich habe begonnen, jeden Tag ein T-Shirt zu tragen, das meine Position klarstellte: Refugees Welcome und No Nazis!

Was versprach ich mir davon? Ich hoffte, dass Menschen es wahrnehmen. Vielleicht mit mir das Gespräch suchen oder hinterfragen, warum ich das tue. Der Plan ging vereinzelt auf und zumindest mit zwei Menschen habe ich mich ausgetauscht und konnte den einen oder anderen Gedanken pflanzen. Ich befürchte aber, dass meine Reichweite über meinen Freundeskreis hinaus eher begrenzt ist. Aber egal - kein Tag ohne T-Shirt.

Vor vier Wochen begannen Dinge, die ich sehr willkommen heiße. Der Wunsch zu helfen wurde greifbar. Viele meiner Bekannten und Freunde erfüllten sich diesen Wunsch und halfen einfach. Sie spendeten Zeit und Geld, feierten mit Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und versuchen, in einem fremden Land ein besseres und meist vor allem sicheres Leben zu beginnen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, es macht Spaß. Nicht nur das Gefühl, jemanden geholfen zu haben, sondern auch mit positiv eingestellten Menschen an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. Findest du in den meisten Jobs nicht in diesem Maße.

Gefühlt gab es in den letzten Wochen auch mehr und mehr positive Erlebnisse und Neuigkeiten rund um die Flüchtenden, die es hierher verschlagen hat. Eine angenehme Abwechslung zu den Hasskommentaren und Brandstiftungsmeldungen. Mehr Wien, München und Hamburg (nur ein paar Beispiele) und weniger Freital und Heidenau.

Und auch wenn es natürlich einfacher ist, gute Nachrichten auf dem Sofa in seinen sozialen Netzwerken zu teilen als in der Hamburger Kleiderkammer Schuhe zu sortieren oder in Heidenau ein Willkommensfest zu stemmen, so ist das meiner Meinung nicht weniger wichtig. Denn dort wo es mehr positive Erlebnisse als Hasskommentare in der Wahrnehmung gibt, verändert sich vielleicht auch die Sichtweise und das Denken der Konsumenten. Ich wünsche es mir wenigstens.

Heute sind seit dem ersten T-Shirt Tag weitere 27 Tage vergangen. Wie sieht’s denn aus 28 Tage später? Ich weiß es nicht so genau. Ich lese immer noch Hasskommentare und erfahre von brennenden Unterkünften. Pegida bekommt wieder Zulauf und Menschen, von denen ich es nicht gedacht hätte, fürchten auf einmal um die Sicherheit in ‚ihrem‘ Land. Es scheint fasst, als führe eine Überdosis Menschlichkeit der einen zu Verlustängsten der anderen.

Menschen, die vielleicht von schieren Zahlen, reißerischen Pressemeldungen oder populistischen Politikeraussagen aufgeschreckt worden sind, beginnen sich passiv aggressiv in den sozialen Netzen zu verteidigen. Sie fühlen sich als Nazis und Rechtes Pack beschimpft, ohne dass es jemals einer getan hat. Hat doch keiner. Oder?

Mal Hand aufs Herz. Wie schnell hört auch bei dem einen oder anderen Menschen mit guter Intention die Differenzierung auf. Das ist menschlich. Unser Verstand kann gar nicht anders als Muster zu nutzen. Würden wir immer fortwährend jede neue Situation - auch die kleinen Alltagssituationen - neu bewerten und analysieren müssen, wir würden wahnsinnig werden. Das würde unser Hirn nicht packen. Daher greifen wir auf Muster zurück: Bewertungsmuster, Verhaltensmuster, Denkmuster. Das ist normal und notwendig.

Notwendig ist aber auch, dass wir uns dessen bewusst sind. Wichtig ist, dass wir versuchen zu bewerten, was tatsächlich ist. Nicht dass, was wir denken, dass ist. Menschen, die sich nicht vorstellen können, wie wir mit dieser vermeintlich großen Zahl neuer Mitbürger umgehen können, sind nicht gleich Nazis oder Rassisten. Wer in einer 4.000 Seelen Gemeinde wohnt, den erschrecken 800.000 Neuankömmlinge möglicherweise. Diese Menschen sehen vielleicht nicht, dass es in einem Raum mit 80 Menschen kaum einen Unterschied macht, wenn noch einer dazu kommt. Wenn wir diese Menschen zu schnell in eine Schublade stecken, bestätigen wir ihre Ängste wohl eher.

Bevor wir uns hier falsch verstehen: Das gilt nicht für überzeugte Nazis, engstirnige Rassisten, erklärungsresistente Intelligenzflüchtlinge. Oder anders ausgedrückt: Ich kann jeden versuchen zu verstehen und mit Toleranz begegnen, der mir mit ebenfalls mit Toleranz begegnet. Allen anderen gegenüber bin und bleibe ich intolerant und konsequent.

Ebenso verbietet es sich meiner Meinung aber auch, Menschen in Schubladen zu stecken, die - aus welchen Gründen auch immer - ihre Heimat und oftmals ihre Familie hinter sich gelassen haben, weil sich woanders ein lebenswerteres Leben erhoffen. Bevor wir auf diese Menschen und ihre Intention irgendein Etikett kleben, sollten wir uns überlegen, was alles passieren müsste, bis wir unsere Heimat verlassen. Das ist kein einfacher Schritt und kaum jemand wird diesen Schritt leichtfertig tun. Und was wir niemals vergessen dürfen - es sind Menschen wie du und ich. Dann können wir zu allererst auch verdammt noch mal menschlich behandeln.

Fazit nach 28 Tagen: Geändert hat sich in den vier Wochen nicht viel. Es brennen immer noch Unterkünfte und es gibt weiterhin Hasskommentare. Aber es helfen auch immer noch viele tausende Menschen und es gibt auch jeden Tag schöne Geschichten von Menschen, deren Traum nach einem besseren und sicheren Leben noch in Erfüllung gehen kann.

Fazit: Wir sind noch nicht fertig! Es liegt bei uns, womit spätere Generationen diese Zeit verbinden werden.

Refugees Welcome und No Nazis!

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