Quo Vadis, Sankt Pauli?

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mOi!n Leute. Es ist sicherlich nicht das erste Mal in der Vereinsgeschichte, dass diese Überschrift passt. Vielleicht sehe ich auch nur Gespenster oder hänge bei einigen Themen einfach nur an einem Traum, der in einem kapitalistischen Profisport einfach nicht so funktionieren kann, wie ich es gern hätte. Aber ich nehme schon seit längerer Zeit Dinge wahr, bei denen ich nur hoffen kann, dass sie nicht schleichend einen Weg ebnen, an dessen Ende ein FC St. Pauli steht, den ich nicht mehr lieben kann.

Der Anlass für diese Gedanken war eine Stellungnahme des Kino 3001, über die ich gestern gestolpert bin. Mich wunderte, dass die Filmnächte am Millerntor nach über 10 Jahren nicht mehr vom gewohnten Veranstalter ausgerichtet werden. Noch viel mehr wunderte es mich, dass es - so zu lesen in der Stellungnahme - keine Erklärung seitens verschiedener Vereinsgremien gegeben haben soll. Merkwürdig.

Später am Abend gab's dann etwas mehr Hintergründe. Danke dafür an Frodo und den Übersteiger! Offensichtlich war es am Ende tatsächlich das liebe Geld, dass den Ausschlag für die Entscheidung des Vereins gab, für dieses Jahr einen anderen Veranstalter zu wählen. Hier soll es sich um Mehreinnahmen im fünfstelligen Eurobereich handeln. Vielleicht nicht ganz unwichtig bei einem bis heute noch nicht gesicherten Verbleib in der zweiten Liga. Aber selbst wenn der Betrag im höheren fünfstelligen Bereich zu finden ist, klingt es bei dem drohenden Einnahmenverlust von rund 7 Millionen Euro aus der Vermarktung der Fernsehübertragungsrechte doch eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Allerdings macht das liebe Kleinvieh ja auch Mist.

Ob und wie viele Arbeitsplätze für welchen Zeitraum mit diesen Mehreinnahmen im Falle eines Abstiegs gesichert werden können, kann ich nicht einschätzen. Jeder einzige ist auf jeden Fall wichtig, daran besteht kein Zweifel. Doch es bleibt trotzdem ein fader Beigeschmack. Vor allem, weil der schon seit Wochen formulierte und abgestimmte Brief an das Kino 3001 aus Versehen nicht abgeschickt worden sein soll. Jeder mag für sich selbst entscheiden, wie glaubwürdig das klingt und ob es hätte passieren dürfen. Zumindest hat der Verein wohl nicht aktiv nach einem anderen Veranstalter gesucht, sondern wohl nur eine Gelegenheit beim Schopfe gepackt.

Allerdings macht es mich mehr als nachdenklich, dass die Filmnächte im Rahmen der Retterkampagne als für den Veranstalter unentgeltliche Vorführungen im Millerntorstadion entstanden sind und die Einnahmen damals komplett dem von der Pleite bedrohten Verein zugute gekommen sind. Dass sich die bisherigen Veranstalter jetzt ein gutes Stück weit verraten und verkauft vorkommen, kann ich gut verstehen. Da bin und bleibe ich Sozialromantiker.

Also FC St. Pauli - wo willst du hin? Oder vielleicht auch, wo hast du dich bisher reingeritten?

Es gibt so einige Dinge in den letzten Jahren, die schon Kopfschütteln bei mir ausgelöst haben. Die ich aber bisher immer abgehakt habe unter 'naja, Profifußball ohne Geld geht halt nicht.'

Der schöne Totenkopf ist da ein sehr gutes Beispiel. Ursprünglich einmal weiß auf schwarz kann ich Farbkombis wie weiß auf braun, schwarz auf grau und grau auf schwarz noch richtig gut finden. Bei allen möglichen bunten Varianten, gestreiften Mustern oder dem Leolook möchte ich aber schreiend weglaufen. Keine Ahnung, ob der Verein mitreden durfte oder durch den fragwürdigen Deal mit der Upsolut Merchandising GmbH auch nur entsetzt zuschauen konnte. Aber das Geld fließt natürlich. Immer mehr werden wir zum Modelabel mit angeschlossener Profifußballabteilung. Das habe ich bisher immer noch mit Ironie genommen. Egal auf wie vielen Zahnspangendosen oder Longboards sich der Totenkopf wiederfand. Aber ich kaufe schon lange nicht mehr im Fanshop (kleines Gesichtsaccessoire ausgenommen).

Nächste Geschichte sind dann die neuen wählbaren Dauerkartenmotive. Eigentlich ist mir das sogar egal, wäre da nicht dieser Beigeschmack des Kokettierens mit der rebellischen Einstellung und der gerade noch rechtzeitige Rückzug in die Norm, um ja keinen vor den Kopf zu stoßen. Ja ja, wahrscheinlich will ich das so verstehen, aber warum auch nicht:

  • Wir sind noch nicht fertig (die Frage womit bleibt unbeantwortet, ist aber auch erstmal eher unwichtig)
  • Für Werte stehen ... (oh ja, geil, gerade machen) ... auch im Sitzen (ok, nicht schlimm. Kann man machen. Aber warum klingt die Erklärung auf der Vereinshomepage so ein bisschen danach, dass das Spiel auf den Stehplätzen eher Nebensache ist?)
  • Aktiver Widerstand ... (jawoll, da bin ich dabei!) ... gegen Niederlagen jeder Art (ähm ja, na gut. Verlieren ist ja auch doof, egal auf welchem Feld. Mir fehlt da jedoch bei dem einen oder anderen Thema abseits des grünen Rasens der aktive - oder auch nur öffentlich gemachte - Teil, lieber Verein.)
  • Scheiss St. Pauli (eine lange geliebte Ironie. Wäre dann wohl meins.)

Ach ja, und dann immer wieder diese total nervigen Promoaktionen des Kiezkönig-Sponsors Captain Morgan mit den bescheuerten Filzdreispitzen und gelegentlich dem üblichen Klischee der leichtbekleideten Mädels, die Rum verschenken. Ich dachte immer, über das Image des saufenden Partyvereins wären wir hinaus. Wohl noch nicht komplett. Aber naja, solange der Verein uns die Tribünen selbst anpinseln lässt und den Stadionnamen nicht verkauft, geht das bestimmt alles klar. Irgendwo muss das Geld für erfolgreichen Profifußball ja schließlich herkommen. Moment, ich schreib mich gerade in Rage und werde unsachlich. Kurz durchatmen.

Denn auf der anderen Seite bezieht der Verein tatsächlich zu wichtigen Dingen auch Stellung und äußert sich auch mal kritisch zu Themen den 'modernen' Fußball betreffend. Also nicht alles so schlecht, aber eben auch nicht alles total gut. Wir müssen aufpassen, wo die Reise hingeht. Denn dieser ganze mit Klischees und Attitüden spielende Marketingplan lockt auch Menschen ins Stadion, die mit den eigentlichen Werten der aktiven Fanszene, die diesen Verein letztendlich über Jahrzehnte geprägt hat und den heutigen Wert der Marke St. Pauli erst geschaffen hat, wenig zu tun haben oder sie zum Teil gar nicht kennen oder verstehen. Erstmal nicht weiter schlimm, solange sie nur dazukommen und nicht verdrängen. Schließlich ist der Platz im Stadion ja begrenzt und noch sind wir mehr. Wobei die Gefahr bei fehlendem sportlichen Erfolg auch eher gering zu sein scheint. Zumindest hatte ich die letzten Heimspielen wieder mehr Platz auf der Gegengerade. Und eine Vereinsmitgliedschaft kann man zum Glück nicht modewirksam um den Hals tragen.

Das Gute: Wir haben durch unsere Strukturen der Mitbestimmung im Verein noch vieles in der Hand. Und wozu die aktive Fanszene im Stande ist, wenn es notwendig wird, haben JHV-Beschlüsse zu Stadionnamen oder Sicherheitspapieren genauso gezeigt wie die Bewegung der Sozialromantiker unter dem Jolly Rouge. Aber das funktioniert halt nur, so lange wir mehr sind und bleiben. Also geht nicht weg. Räumt nicht euren Platz im Stadion oder im Verein. Lasst uns da bleiben, lasst uns aufmerksam bleiben, lasst und unbequem werden, wenn es notwendig ist. Wir sind Sankt Pauli.

Also FC St. Pauli - suche den Grat zwischen notwendiger Vermarktung und deiner Authentizität und Verantwortung als Stadtteilverein. Das ist sicherlich nicht einfach. Und wir Fans sind sicherlich auch ein kritisches und anspruchsvolles Klientel. Aber wir sind auch dein größtes Potential.

Noch glaube ich an dich und hoffe, dass wir uns niemals auseinander leben werden.

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