Wieder gemeinsam bluten

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mOi!n Leute. Irgendwie bin ich wohl zum Quartalsblogger geworden. Lange nichts mehr geschrieben. Ist vielleicht auch ein bisschen der aktuellen Situation geschuldet. Verdrängungsmechanismen - frei nach dem Motto: Wenn ich mich damit nicht auseinandersetze, dann wird es auch nicht passieren. Keiner will absteigen! Die Nerven liegen immer öfter blank - nicht nur auf dem Rasen. Ich möchte mal versuchen, meine Gedanken und Beobachtungen dazu zu sortieren.

Tiefer Frust und blanke Nerven machen auch vor richtig guten Freundschaften nicht halt. Beim Heimspiel gegen Erzgebirge Aue versuchte ich, während wir auf der Gegengerade auf den Anpfiff warteten, der Situation und dem Spiel bei 1860 noch etwas Positives abzugewinnen: "Mehr vom Spiel gehabt, besser Zweikampfwerte, 17:3 Torschüsse ..." Und dann begann das schwache Hiemspiel gegen Aue. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit kam dann mein bester Freund aufgrund des bisherigen Spielverlaufs wutentbrannt vom Bier holen zurück: "Der nächste, der mir sagt, dass wir besser spielen, fängt sich genauso eine, wie der nächste, der mich Modefan nennt!" Ich bezog das auf meine Aussage vor dem Spiel und war stocksauer. Funkstille zwischen uns für den Rest des Spiels, ein aggressives Wortgefecht kurz nach Abpfiff und getrennte Wege aus dem Stadion - zum ersten mal seit wir gemeinsam ans Millerntor gehen. Die Situation steckte uns tief in den Knochen. Geklärt war's schon am nächsten Tag wieder - Freundschaft eben.

Für mich zeigt diese Situation einen Teil der Hilflosigkeit, mit der ich und wohl auch viele andere der Situation gegenüber stehen. Jeder geht mit seinem Frust, ihrer Traurigkeit, seiner Resignation und ihrer Hilflosigkeit anders um. Ich selbst habe schon alle Phasen der Trauer durch diese Saison: Leugnen, Wut, Verhandeln, Verzweiflung, Akzeptanz - nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge und in unterschiedlichen Ausprägungen. Haarig wird's, wenn Menschen aufeinander treffen, die in unterschiedlichen Phasen stecken. Im obigen Beispiel traf wohl Leugnen auf Wut. Da war der Zusammenstoß vorprogrammiert.

Ein bisschen unschön wird's in meinen Augen aber, wenn sich die Wut unreflektiert ihren Weg vor allem durch das Internet sucht. Gerade bei den letzten Spielen haben uns unglückliche Aktionen wichtige Punkte gekostet. Gonther gegen 1860, Maier gegen Frankfurt und zuletzt Himmelmann gegen Union. In einer Zeit, in der man für seine Wutreden nicht mehr auf eine Kiste klettern oder der Zielperson direkt gegenüber treten muss, kommen leider auch Dinge dabei raus, die ich persönlich zum Kotzen finde, und die das bitter nötige Gemeinshaftsgefühl zwischen Spielern und Fans nicht unbedingt fördern. Lasst das! Keiner der Jungs will verlieren! Keiner macht das mit Absicht! Das gezielte Bepöbeln von einzelnen Spielern geht mir sowieso auf den Sack - egal ob gegen Kalla, Nöthe oder Budimir. Egal, ob die Erwartungen höher waren als die Realität.

Es gab im Verlauf der bisherigen Saison immer wieder Kritik am Auftreten der Spieler als Mannschaft. Oft wurde gefragt, ob den Spielern bewusst wäre, für welchen besonderen Verein sie hier spielen. Jetzt könnte ich versuchen, aus der ganz großen Distanz hier von meinem Schreibtisch zu analysieren, ob das stimmt oder nicht - und falls ja, wo's herkommt. Da kann wohl nur etwas Halbgares bei rauskommen. Also versuche ich das erst gar nicht.

Ich denke aber, wir sollten auch nicht vergessen, dass diese Manschaft die erste nach der 'Heldentruppe' ist. Immer noch gibt es 'Bruuuuuuns' Rufe, immer noch wird nach der Rückkehr von Boll oder, gelegentlich sogar schlimmer, Stanislawski geschrien. Naki sollte allen zeigen, was Sankt Pauli wirklich bedeutet. Wie sollst du dich als aktueller Spieler dann wohl auch fühlen? Ich erinnere mich an eine Situation zum Ende der vergangen Saison, als die Mannschaft zu Fuß zum Stadion ging und dabei geschlossen auf der gegenüber liegenden Straßenseite am Jolly Roger vorbeikam. Obwohl die Jungs recht früh gesichtet wurden, war es fast, als wären sie eine Gruppe unwichtiger Gästefans - ohne jede Beachtung. Erst als sie schon fast an der Einfahrt zur Sporthalle vorbei waren, donnerte es endlich laut 'Sankt Pauli! Sankt Pauli!' über die Straße.

Ich kann gar nicht mal sagen, warum die Bindung zur aktuellen Mannschaft soviel schlechter scheint, als zur 'Bokal'-Truppe. Sind es nur die fehlenden sportlichen Erfolge? Ich glaube nicht. Es gibt meiner Meinung nach Situationen, die viel wichtiger sind für den Zusammenhalt. Sei es bei Auswärtsfahrten, bei denen es auf Umsteigebahnhöfen das Angebot der Mannschaft gab: "Wenn's da vorn Stress gibt, hier sind noch 22!" (nur Hörensagen). Oder ob der Torwarttrainer die Unioner Provozicke vorm Gästeblock handfest in die Schranken weist. Meiner Meinung nach fehlen uns einfach nur die richtigen Gegner. Spiele gegen Ingolstadt, Sandhausen oder Aue sind eben nicht zu vergleichen mit Begegnungen wie gegen Rostock, Chemnitz oder Kiel. Naki hat ja die Fahne auch nicht in den Boden der Voith-Arena gerammt. Rivalität war schon immer das Salz in der Fußballsuppe. Und da ist es diese Saison eher laff.

Wahrscheinlich ist da etwas dran, dass man erst gemeinsam bluten muss, um zusammenzuwachsen. In brenzligen Situation zusammenstehen und gemeinsam raus kommen, das schweißt zusammen. So gesehen kann die Zukunft eigentlich nur positiv werden. Denn entweder ziehen wir uns gemeinsam aus der Abstiegssituation (am liebsten in der Relegation erfolgreich gegen Holstein Kiel), oder wir werden wieder emotionale Duelle in der 3. Liga haben - nach der jetzigen Tabellensituation gegen die Stuttgarter Kickers, Cottbus, Dresden, Chemnitz und Rostock mit Chance auf Offenbach oder Magdeburg.

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