Pirates, Punks & Politics

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Moin Leute. Lasst uns heute mal das Sportliche kurz abhaken, auch wenn's ein breites Grinsen und große Erleichterung mit sich bringt. SV Sandhausen auswärts - 2:3 für den FC St. Pauli nach zweimaligen Rückstand. Irgendwie waren unsere Jungs an allen fünf Toren beteiligt. Aber so genial es war, die Partie im AFM-Radio zu verfolgen und sich über das Ergebnis tierisch zu freuen, so ist diese Emotion bei mir gerade nicht die vorherrschende.

Das liegt nicht daran, dass ich mich über gedrehte Spiele - gerade wenn du es eigentlich nicht für möglich hältst - nicht mehr freuen kann. Das liegt daran, dass ich seit drei Tagen das Buch 'Pirates, Punks & Politics' von Nick Davidson (@outside_left) lese und vor wenigen Minuten die letzte Seite zugeklappt habe. Was für ein geiles Buch.

Geschrieben in englischer Sprache mischt Nick auf sehr kurzweilige Art seine eigenen Erfahrungen der zahlreichen Besuche bei Heim- und Auswärtsspielen des FC St. Pauli mit einem historischen Abriss der Entwicklung des Vereins, seiner Fanszene und seiner Verbindung mit dem Viertel. Mit anderen Worten, Nick fasst auf rund 250 Seiten zusammen, warum für viele aus der Fanszene sportliche Ergebnisse zwar beflügeln oder frustrieren, aber bei weitem nicht das Wichtigste sind.

Jetzt habe ich noch nie wirklich eine Rezension über ein Buch geschrieben und habe gar keine Ahnung, wie ich sowas anstellen soll. Zum einen möchte ich für diejenigen unter euch, die das Buch noch nicht gelesen haben, nicht zu viel vorweg nehmen. Zum anderen aber möchte das Buch so vielen Menschen wie möglich ans Herz legen. Das Lesen lohnt sich.

Ich glaube, was mich an diesem Buch so fasziniert, ist die Tatsache, dass es von einem Engländer geschrieben wurde. Also von einem Menschen, der bereits selbst erlebt hat, was aus einem überkommerzialisiertem und gentrifiziertem Fußball werden kann. Ein Mensch, der weiß, wovor wir uns fürchten. Und das zu Recht. Gerade diesen Aspekt über das Besondere der Fankultur in deutschen Stadien im Allgemeinen und beim FC St. Pauli im Besonderen greift Nick immer wieder auf.

Dabei wird schnell klar, wie viel von dem, was wir heute zum Teil als selbstverständlich empfinden, zum einen gar nicht so selbstverständlich und in Teilen immer noch bedroht ist und zum anderen hart erkämpft werden musste. An vielen Stellen war die Fanszene des FC St. Pauli Vorreiter in Deutschland, manchmal sogar in Europa. Vieles davon war mir gar nicht so bewusst und total faszinierend. Es hat mich wiedermal glücklich gemacht, Teil dieser Fanszene zu sein.

Im Gegensatz zu Nick kann ich nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren, welches mein erstes Spiel am Millerntor war. Es war aber auf jeden Fall während der Erstligazeit zwischen den Saisons 95/96 und 96/97. Damit lagen wie wichtigsten und nachhaltigsten Veränderungen der Fanszene am Millerntor vor meiner Zeit im Stadion. Andere wichtige Dinge der jüngeren Vergangenheit habe ich verpasst, weil ich für etwa zehn Jahre nicht am Millerntor war. Einiges habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren aber selbst beobachten und zu kleinen Teilen auch mitgestalten können.

Auch deswegen ist es unglaublich spannend, all diese Dinge, die unsere Fanszene zu einer besonderen machen, noch einmal aus einer weiteren Perspektive erzählt zu bekommen. Es zeigt mir aber auch, dass viele der Errungenschaften am Millerntor keine lebenslange Garantie haben und weiterhin gehegt, gepflegt, verteidigt und noch ausgebaut werden müssen. Dass wir als Fanszene uns nicht ausruhen und zurücklehnen können. Würde auch nicht zu uns passen.

Auf der anderen Seite ist es total motivierend, zu lesen, was die Fanszene im Laufe der letzten Jahre bis Jahrzehnte bereits alles bewegt hat. Nick gelingt es seinem Buch wie ich finde hervorragend zu beschreiben, was unsere Fanszene so besonders macht. Die Tatsache, dass - obwohl durch die Liebe zum Fußball vereint - der Sport einfach nicht das Einzige, vielleicht nicht mal das Wichtigste ist. Dass der gemeinsame Kampf gegen Faschismus, Rassismus, Sexismuss und Homophobie genauso wichtig ist wie der Kampf gegen Gentrifizierung im Viertel und für die Erhaltung der Fanrechte und der Fankultur.

Unsere Fanszene ist politisch. Unsere Fanszene ist unbequem und wenn nötig radikal. Das alles muss sie unbedingt bleiben. Das macht sie besonders. Das macht sie aus. Das ist der Grund, warum ich hier stehe!

Also Leute - falls noch nicht getan und im Glaube, dass euer Englisch gut genug ist - kauft das Buch und lest es.

Ein kurzer Vorgeschmack:

I started this book searching for something in which to believe: a football club that embodied my political beliefs and a fan scene that represented everything I had loved about football growing up, but that had been taken away from me through the corporatisation of the modern game. I found St. Pauli and fell in love all over again. If I'm honest, as I finish writing, my biggest emotion is fear. Fear that history will repeat itself and that the club I found and with which I fell in love and the atmosphere at German football for which I'm prepared to travel hundreds of miles, by train or plane, will be taken from me. But then I speak to the fellow St. Pauli fans I've met on my trips to the Millerntor, to the fantastic people at the Fanladen, to Ultrà Sankt Pauli; I read reports on the internet and I feel a passion and determination among German football fans that I'd never felt even at the height of the fanzine movement in the late 1980s in the UK, and I think we're not going to give up our fan culture without a fight. And I realise that I'm speaking in the first person. I am not some interested third party. I am part of this fan scene and, as such, I'm going to do everything I can to help preserve it.

Danke Nick - Forza Sankt Pauli!

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