Kein Mensch ist illegal

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Moin Leute. Manchmal ist echt der Wurm drin. Du setzt dich hin, um den nächsten Blogbeitrag fertig zu schreiben. Du fängst an, aber schon nach wenigen Sätzen verzweifelst du. Du bist auf dem besten Weg einen Aufsatz über 'mein schönstes Ferienerlebnis' zu schreiben: 'Dann kam ich da an. Dann hab ich das gesehen. Dann hab ich den getroffen. Dann hab ich das erlebt.' Und auch wenn in Hamburg gerade die Frühlingsferien begonnen haben, geht es hier um etwas ganz anderes als ein Ferienerlebnis - es geht um die Zukunft der Gruppe 'Lampedusa in Hamburg'.

Also alles noch mal auf Anfang. Vielleicht erstmal die Frage beantworten: 'Warum bin ich hingegangen?' Zu allererst weil mir das Thema wichtig ist. Und dafür habe ich im letzten Jahr schon zu viele Demonstrationen und Veranstaltungen verpasst. Der eine oder andere mag jetzt vielleicht denken: 'Dann ist es dir auch nicht wichtig genug.' Hier möchte ich mal widersprechen, denn so einfach ist es nicht. Zum einen bin ich tatsächlich kein Aktivist und es füllen auch andere Themen und Prioritäten meine Zeit. Zum anderen ist die Teilnahme an Demonstrationen und Infoveranstaltungen nicht die einzige Möglichkeit zu unterstützen.

Ich diskutiere das Thema mit KollegInnen, mit FreundInnen und mit meiner Familie - und das oftmals auch kontrovers. Dabei sind Sätze wie '200 Flüchtlinge sind ja zu verkraften, aber was passiert, wenn dann noch mehr kommen?' in den meisten Fällen gar nicht böse gemeint. Viele der Menschen, mit denen ich auf der Arbeit, in der Kneipe oder am Telefon darüber diskutiert habe, sind einfach nur unbedacht und vielleicht auch ein bisschen ratlos. Sie halten die Gründe für die Flucht der - in diesem Fall in Hamburg - gelandeten Menschen sogar für schrecklich und deren Flucht absolut nachvollziehbar. Sie haben aber auch die Befürchtung, dass eine Unterstützung dieser Menschen in großer Zahl nicht funktioniert. Das wiederum kann ich sogar verstehen, gebe dann aber zu bedenken, dass das ja wohl kaum die Schuld der Flüchtenden ist und schon gar kein Grund, nicht mehr menschlich denken und handeln zu müssen. In diesen Diskussionen versuche ich Denkanstöße auszulösen, Denkmuster aufzubrechen. Oftmals mit Erfolg - zumindest in meinem direkten Umfeld.

Neben der immer wieder notwendigen Auseinandersetzung mit dem Thema, den Hintergründen und möglichen Lösungen gibt es aber so viele andere Kleinigkeiten, die diese Menschen unterstützen können. Eine Unterschrift für einen Brief an den Senat mit der Aufforderung, jetzt endlich politisch und dabei menschlich zu handeln. Ausgediente Jacken und Schuhe beim Infozelt am Steindamm vorbei bringen. Das Kleingeld aus der Hosentasche in die Sammeldosen der fleißigen UnterstützerInnen werfen. Und ja, auch mal dem Senat durch eine Teilnahme an einer Demo zeigen, dass es nicht jedem Menschen in Hamburg egal ist, was mit den Flüchtlingen passiert.

Darum war ich gestern kurz nach halb eins am Hachmannplatz. Nicht immer nur twittern und schreiben wie wichtig das alles ist. Auch auf die Straße gehen und im wahrsten Sinne des Wortes demonstrieren, dass mensch mit der aktuellen Position des von Olaf Scholz und seinem Hamburger Senat nicht einverstanden ist.

Doch bevor es hier jetzt doch wieder in Richtung Schulaufsatz abrutscht, halte ich nur mal die Dinge fest, die mir aufgefallen sind.

Die Menge war groß und bunt. Und damit meine ich nicht nur die Farben sondern auch die Zusammensetzung. Von kleinen Kindern in Buggies bis zu Mitmenschen geschätzt deutlich jenseits der Sechzig waren alle Altersgruppen vertreten. Die Fanszene des FCSP war erfreulich präsent, wobei ich das nicht anders erwartet habe. Und es war kreativ. Viele bunte, aber zugleich unbequeme Transpis, die klare Botschaften und Forderungen an die PolitikerInnen nicht nur in Hamburg enthielten. Musik, Tanz, Trommeln, Schlauchboote, Masken, Staubwedel und Klobürsten machten die Parade bunt, laut und friedlich.

Was ich von den Menschen am Rand der Demo halten soll, weiß ich nicht so recht. Ich will hier nicht zu schnell urteilen, denn ich habe mich mit keinem unterhalten. Hätte ich vielleicht mal machen sollen. So ähnlich wie ein Kamerateam im Demozug die TeilnehmerInnen fragte 'Warum laufen Sie hier mit?' hätte ich vielleicht mal die vielen Menschen, die mit ihren Smartphones die Parade fotografierten, fragen sollen: 'Warum laufen Sie denn jetzt nicht mit?' Auf die Antworten wäre ich gespannt gewesen. Tja, die besten Ideen hab ich oft hinterher. Zumindest scheint es für einige der Schaulustigen keine großen Unterschiede zwischen Weihnachtsparade und politischen Inhalten zu geben. Aber das ist nur eine Mutmaßung.

Mir war es jedenfalls wichtig, auch mal wieder diese Art der Unterstützung zu wählen und auf der Straße zu sein - garantiert nicht das letzte Mal und garantiert nicht nur zu diesem wichtigen Thema.

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