Ein weiteres Stück Papier

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Moin Leute. Heute habe ich den Vormittag damit verbracht, den Abschlussbericht der Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den Schweinske-Cup 2012 zu lesen. Was anschließend bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit, gepaart mit etwas Enttäuschung.

Ich muss gestehen, mir steht nur der Abschlussbericht zur Verfügung. Was in der Arbeitsgruppe (AG) diskutiert und hinterfragt wurde, ist mir unbekannt. Zunächst bin ich mal froh, dass ich den Abschlussbericht nicht gedruckt habe. Wäre nur ein weiteres Stück Papier mit vielen Worten und wenig neuen Erkenntnissen, dass in einem Ordner vor sich hin altern würde. Schade.

Ich denke, hier ist eine Chance vertan worden, dem einen oder anderen Wort eine Tat folgen zu lassen. Aufgearbeitet wurde wahrscheinlich so einiges in der Gruppe, in den Abschlussbericht geschafft hat es dann aber nicht wirklich viel. Ich bin enttäuscht über den Weichspülgang in diesem Schriftstück. Es liest sich eher wie eine bessere 'Cover your Ass' Lektüre als wie eine transparente Aufarbeitung der Geschehnisse.

Denn was definitiv fehlt, ist die Klärung der Schuldfrage. Allerdings - frei nach dem Motto, wenn dir die mögliche Antwort nicht gefällt, stell die Frage lieber nicht - wurde die Schuldfrage gar nicht erst im Abschlussbericht formuliert, sondern unter dem Hinweis auf laufende Ermittlungsverfahren auf mehreren Seiten ausgeklammert. Das ist verständlich, allerdings stellt sich mir dann die Frage des Zwecks und Zeitpunkt dieses Abschlussberichts einer AG, die doch auch Schuldzuweisungen zumindest prüfen wollte.

Wie kann eine transparente Aufarbeitung der Geschehnisse rund um den Schweinske-Cup erfolgreich durchgeführt werden, wenn die Schuldfrage nicht einfließen kann oder darf?

Naja, im Bericht finden sich zumindest ein paar Hinweise, dass sie innerhalb der Gruppe wohl zumindest mal angesprochen, sehr wahrscheinlich sogar kontrovers diskutiert wurde - doch dazu später mehr.

Bevor ich jetzt den Bericht aus meiner Sicht kommentiere, hier noch die Leseempfehlungen der Betrachtungen der geschätzten Kollegen vom Übersteiger-Blog und vom Magischen FC - letzterer mit einer sehr interessanten Auseinandersetzung zum Thema 'Aufgabe der Polizei' (darauf komme ich später auch noch kurz zurück).

Dem Bericht selbst liegen zum einem der vorläufige Untersuchungsbericht zu den Ereignissen beim sog. "Schweinske-Cup" am 6. Januar 2012 in Hamburg (verlinkt ist die PK) zugrunde sowie der Lagebericht der Polizei (liegt mir nicht vor).

So, los geht's. Warum halte ich den Bericht für weichgespült? Wie von Moderator Thomas Beyer betont, wurde der Bericht einstimmig von allen Beteiligten unterzeichnet, jeder steht hinter jedem Komma. Was kann denn bei Beteiligten mit so unterschiedlichen Rollen herauskommen, auf das sich alle einigen können? Ach ja, gar nicht so schwer, wenn man die Frage nach der Schuld einfach mal ausklammert, also alles weichspült.

Die dann noch übriggebliebenen Ergebnisse und Erkenntnisse sind sicherlich alle gut und hilfreich, kommen nicht wirklich überraschend: Ausgearbeitete und verbindliche Sicherheitskonzepte, Kommunikation vor und während der Veranstaltung auch zwischen Polizei und Fanvertretern, gegenseitiges Anerkennen der Rollenverteilung etc. - alles richtig, alles nicht neu, hier einfach auf die zugrunde liegende Veranstaltung angewendet.

Positiv zu bemerken bleibt, dass im Bericht noch einmal klar gestellt wird, dass "in den unterschiedlichsten Medien und über einen langen Zeitraum „die" St Pauli-Fans in nicht gerechtfertigtem Maß und vor allem pauschaliert als gewaltorientiert und –bereit dargestellt" wurden. Ziel der AG - wenn auch nur in einem Nebeneffekt (schade!) - dieses Bild zu korrigieren. Die konkreten Maßnahmen, wie und durch wen das geschehen soll, bleiben jedoch offen. Auf den Titelseiten der Boulevardpresse habe ich es in den letzten Tagen jedoch noch nicht gefunden.

Um zu verstehen, warum ich das Dokument für 'Cover your Ass' Lektüre halte, müssen wir etwas mehr ins Detail gehen und uns daran erinnern, dass sowohl auf der Pressekonferenz des Vereins direkt nach dem Turnier als auch im Bericht von Herrn Prof. Dr. Thomas Feltes sehr viele Fragen zur Einsatztaktik und möglichem Fehlverhalten der Polizei gestellt wurden, die in diesem Bericht ja nicht behandelt werden sollen. Es heißt:

In Anerkennung der oft schwierigen Handlungsbedingungen war es deshalb auch nicht Ziel der AG-Arbeit, einzelne polizeitaktische Maßnahmen und Einsatzverhalten zu bewerten.

Leider werden sie es doch, und dann eben einseitig. Hier die mir aufgefallenen Formulierungen:

Der Veranstalter führte hierzu in einer Befragung aus, dass er schon beim Einlass der Lübecker Fans Ordner durch den notwendigen Pfefferspray-Einsatz einbüßte.
Das Wort 'notwendig' ist nicht bewertend?
Die Polizei hat in dieser bereits aufgeheizten Situation versucht, mit geeigneten polizeitaktischen Maßnahmen die Fanlager zu trennen und die Situation zu beruhigen.
Wie anders als bewertend ist denn das Wort 'geeignet' zu verstehen?
Die Polizei war gezwungen, im erheblichen Maße Zwangsmittel einzusetzen, um die fortlaufende Begehung von Straftaten zu unterbinden bzw. erhebliche Gefahren für Leib und Leben abzuwehren.
Die Formulierung 'war gezwungen' stellt für mich wieder eine Bewertung anstatt einer Schilderung dar.
Die notwendige Einweisung weiterer Unterstützungskräfte konnte aufgrund der dynamischen Lage nicht im erforderlichen Umfang erfolgen.
Eine Begründung bewertet bereits.

Also bitte, wenn es schon keine Bewertungen von polizeitaktischen Maßnahmen und Einsatzverhalten geben soll, dann haben die auch in kleinen Formulierungen nichts zu suchen. Die Aussage eines Textes entsteht meist zwischen den Zeilen.

Machen wir da doch gleich mal weiter. Warum heißt es immer nur 'aus Sicht der Polizei' aber 'aus der subjektiven Sicht der Fans'? Hier wird die Sicht einer Partei als subjektiv klar gekennzeichnet, die andere nicht. Unbewusster Umkehrschluss des Lesers: Sie ist objektiv - zumal sie auch von einer Partei kommt, die als Organ des Rechtsstaats bei wahrscheinlich der Mehrheit der Öffentlichkeit ein gewisses Grundvertrauen genießt.

Das letzte Sahnehäubchen auf dieser 'Schütz deinen Arsch' Torte, die nach meiner Meinung hier in Richtung Innenbehörde und Polizei serviert wird, sind Rechtfertigungen für bestimmte Entscheidungen mit Verweis auf die Versäumnisse des Ordnerdienstes oder des Veranstalters - der übrigens nicht Teil der AG war.

Hier zwei Beispiele, wie mit dem Finger auf den Veranstalter gezeigt wird:

Nach Beschreibung von Polizei und Vereinen ist die bedenkliche Situation der Sanitäranlagen in der Sporthalle Hamburg bekannt und gehört zu den wichtigsten Punkten, die umfänglich gesichert und mit Sichtschutzgitter ausgestattet werden müssen.
Die eskalierende Wirkung der aus dem Bannerklau resultierenden Gewalttätigkeiten ist eine Folge der Fehlplanung beim Sicherheitskonzept und bei der Ordnerbelegung. Der „Tatbestand" des sog. „Bannerklaus" ist für die Polizei kein Grund zur Ergreifung von Maßnahmen im Sinne der Gefahrenabwehr."

Gerade beim letzten Punkt - und hier sei noch einmal auf die Kollegen vom Magischen FC und ihre Auseinandersetzung mit den Aufgaben der Polizei verwiesen - erinnere ich mich gern an folgende Worte aus meiner beruflichen Vergangenheit: Wenn du ein Problem siehst und es nicht angehst, dann bist du Teil des Problems.

Dann noch schnell ein Widerspruch innerhalb zweier aufeinander folgendender Absätze:

Gespräche mit diesen Beobachtern bestätigten die Vermutung, dass dieses Verhalten als Ergebnis der „Wut" über die in der Halle gemachten Erfahrungen dieser Fans zu sehen ist.

Die zu erwartende Beendigung der Ausschreitungen trat mit Abtransport der Lübecker Fans demnach nicht ein, sondern die Situation eskalierte weiter. Für den gewaltbereiten Teil der Fans des FC St. Pauli war in ihrer subjektiven Sicht das Eingreifen der Polizei und die „Einkesselung" einer großen eigenen Gruppe Grund genug zur Fortführung und Steigerung der Ausschreitungen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist festzuhalten, dass es keinen Zusammenhang mehr mit dem eigentlichen Sportereignis bzw. der ursprünglichen Fanauseinandersetzung gab.

Ja was denn nun!?

Dass all diese Punkte sicher auch zu teilweise leidenschaftliche Diskussionen innerhalb der AG geführt haben, lässt sich in den folgenden Passagen erahnen bzw. lesen:

Eine bewertende Debatte über einzelne taktische Maßnahmen der Polizei fand im Ausschuss nicht mit einvernehmlichem Ergebnis statt, (...)"
Die einhellige Verurteilung der Ausschreitungen bedeutet allerdings nicht in allen Punkten eine Gemeinsamkeit in der Ursachenanalyse über die Gründe, die zu einer so hohen und massiven Gewaltbereitschaft führen."

Fazit des erstens Teils des Berichts: Ich finde, dass hier eine Partei der AG deutlich zu 'glatt', ja eigentlich sogar voll rehabilitiert, davon kommt, während andere einfach nur etwas differenzierter betrachtet, in eine subjektive Ecke gestellt oder direkt angeklagt werden.

Das ist nicht eine Begegnung auf Augenhöhe, die so wichtig wäre, um - wie im Bericht als ein Teil des Lösungsansatzes herausgearbeitet - ein besseres gegenseitig Rollenverständnis aller bei so einer sportlichen Großveranstaltung beteiligten Parteien zu erreichen. Somit könnten auch eingefahrene Feindbilder aufgebrochen werden. Allerdings ist das keine Einbahnstraße. Und garantiert keine leichte Aufgabe. Denn es bedeutet Vertrauen.

Auf meiner Seite das Vertrauen, dass nicht jeder, der mit Helm und Schlagstock in schwarzer Uniform unterwegs ist, beim ersten Anlass von Stock oder Pfeffer gebrauch macht. Auf der anderen Seite das Vertrauen, dass nicht jeder Mensch mit Totenkopf Kapu und Wunderkerze gleich einen Bürgerkrieg im eigenen Viertel anzetteln will.

Das es in solchen Konstellationen ruhig bleiben kann, zeigt eigentlich nach jedem Heimspiel der Marsch der Verbannten - ob aus gegenseitigem Vertrauen oder ob aus Respekt auf beiden Seiten vor den Konsequenzen einer Eskalation, möchte ich dabei nicht beurteilen.

Aber wie gesagt, die Begegnung auf Augenhöhe ist keine Einbahnstraße. Es sind nicht nur die Fanszene, die Fanclubs und -gruppierungen, von denen es

erwartet werden [kann], dass aktuelle negative Entwicklungen, Vorfälle und Ausschreitungen kritisch diskutiert und so bewertet werden, dass die Grundlagen des eigenen Fanwesens nicht zerstört werden.

Das gleiche muss auch auf der anderen Seite erwartet werden dürfen. Leider finde ich davon nichts im vorliegenden Abschlussbericht. Ich bin auch nicht zuversichtlich, dass nach Abschluss der laufenden Verfahren, eine erneute Diskussion über die Einsatztaktiken von Seiten der Innenbehörde oder der Polizei selbst aufgenommen werden. Schade eigentlich.

Der Abschlussbericht - einfach ein weiteres Stück Papier.

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