Und dann ist Montag

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Moin Leute. Also echt – das mit der Recherche ist anstrengend und wirklich zeitraubend. Dieses ganze Lesen, das Vergleichen und Abwägen, das Weitersuchen – und vor allem das Nachdenken. Puh! Ich kann verstehen, dass das eine oder andere Boulevard-Blatt da nicht hinterherkommt, wenn es darum geht, am liebsten in Echtzeit aber offensichtlich ohne eigene Leute vor Ort vom letzten Sonntag zu berichten. Verstehen, aber auf gar keinen Fall akzeptieren.

Eines vorweg – ich war gestern selbst beim Spiel und habe zumindest das eine oder andere mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört. Bevor ich jetzt diesen Beitrag schreibe, habe ich die BILD, die MoPo, die taz und den Pressebericht der Polizei gelesen. Außerdem habe ich bei den Blogs von Magischer FC und dem Übersteiger vorbeigeschaut und mir den Artikel von Publikative.org zu Gemüte geführt. Aber steigern wir uns langsam.

Im Stadion

Ja, ich war im Stadion. Zum einen, weil ich tatsächlich das Spiel sehen wollte. Und zum anderen, weil mich der Protest im Stadion interessiert hat. Und der war überall zu sehen – auf jeder Seite des Stadions. Beispiele der Tapeten gefällig? Kommt: „Hier geht es um 3 Punkte – Draußen um viel mehr!", „Helm ab – Hirn rein", „Fußball ohne Gästefans = Polizei ohne Pfefferspray" (dabei hab ich übrigens Angst bekommen, was das wohl bedeutet, wenn gegen Paderborn wieder Gästefans im Stadion sind) und der Klassiker des Wochenendes „ACAB but Boll".

Das nächste, was meine Aufmerksamkeit erregte, war die kleine Gruppe Rostocker, die es doch ins Stadion geschafft hat. Auch wenn ich sie nicht mag – aber hier mal Respekt.

Die Stimmung im Stadion war gut, aber unkoordiniert. Das obligatorische ‚Aux Armes' am Anfgang klappte noch ganz gut, aber einige Zeit später fühlte ich mich wieder in die späten 90er zurück versetzt. Es war laut, aber irgendwie nicht zusammen. Das soll jetzt bitte nicht heißen, dass es schlecht war. Das war es nicht. Aber meiner Meinung nach ist es mit USP gewaltiger. Und ich möchte jetzt nicht zu einer Diskussion pro oder contra USP ansetzen. Für mich sieht es so aus: USP sorgt für die Kontinuität der Gesänge und dafür, dass es nie ganz ruhig wird. Zugegeben, nicht immer der Spielsituation angemessen, aber eben da. Darauf kann man sich verlassen. Und die Choreos sind oftmals leider geil. Und wir in der Gegengerade passen irgendwie schon auf, dass es auch mal intensiver wird, wenn das Spiel es verlangt. Ich jedenfalls schaukele mich gerne mit der Süd hoch, um einen richtig geilen Roar zu liefern. Fazit: ohne USP fehlt mir was im Stadion – aber Totentanz ist bei weitem nicht.

Sportlich hat es auch wieder richtig Spaß gemacht. Sehr überzeugend die Kogge versenkt – mal wieder – und einen richtig gut aufgelegten Marius Ebbers gesehen, Fin Bartels bewundert wie er sich die Seele aus dem Leib gelaufen hat und festgestellt, dass es auch sinnvolle Polizeieinsätze wie die von Fabian Boll gibt. Das Ergebnis: FC St. Pauli 3 – 0 F.C. Hansa Rostock. Ebenfalls leider geil!

Im Gefahrengebiet

So – jetzt mal der Tagesablauf aus meiner Sicht mit dem, was ich erlebt habe. Als erstes hat sich meine Anreise verändert. Ich habe es nämlich diesmal vorgezogen, mit der Fähre zu den Landungsbrücken zu fahren, als mich gegen 10.00 Uhr alleine über Altona zu trauen. An den Landungsbrücken dann – nichts. Keine Spur eines Gefahrengebiets. U-Bahn Station St. Pauli, Ausgang Dom dann – nichts. Immer noch nicht gefährlich. Budapester Straße – ja, Polizei. Noch ohne Helme und entspannt damit beschäftigt, die Panzerung anzulegen. Nicht anders als bei dem einen oder anderen Sicherheitsspiel, nur mehr. Jolly Roger – wieder nichts. Nicht mal Polizei sowie bei dem einen oder anderen Sicherheitsspiel. Dann die ersten Mannschaftswagen mit Blaulicht vom Millerntor Richtung Neuer Pferdemarkt. „Rostocker?" – „Quatsch. Glaub ich nicht."

War auch nicht. Es war ein Trauermarsch, der – nun ja, nicht unbedingt schweigend – die Fankultur zu Grabe getragen hat. Und die müssen sich wahnsinnig sicher gefühlt haben, denn es waren beinahe mehr behelmte Polizisten dabei als Trauergäste. Auf den Fotos der Demo in Altona trugen die Polizisten übrigens keine Helme und die Rostocker waren mehr (Korrektur 23.04.2012 - 22:41 Uhr: Nach Ansicht der Fotoecke des Magischen FC stelle ich fest, dass mir hier mein Gedächtnis untreu war. Also - auch beim Trauermarsch trugen die Polizisten keine Helme).

22042012 Fankultur

Dann wie immer. Auf zum Stadionvorplatz, Wurst essen. Auch hier, absolut entspannte Stimmung. Niemand wurde irgendwie daran gehindert, den Tag so zu gestalten, wie er es für richtig hielt. Was denn im Stadion geschehen ist, wisst ihr ja schon.

Die Spielnachbesprechung sollte dann wie gewohnt im Jolly Roger stattfinden. Ging aber nicht. Wir kamen gar nicht soweit. Eine Polizeikette hinderte uns daran. Warum wussten wir nicht und keiner der Polizisten hat es uns gesagt. Da standen wir nun und warteten ab. Irgendwann wird man uns schon durchlassen. Für mich wirkte da wo wir waren alles soweit friedlich. Klar gab es Unmutsäußerungen und Schmähgesänge gegen die Polizei. Aber keine Aktionen – zumindest soweit ich es sehen konnte.

Umso verwunderter waren wir, als von hinten zwei Wasserwerfer und ein gepanzertes Fahrzeug anrückten. Wir haben doch nichts gemacht. Und die Budapester Straße hinter der Polizeikette war doch auf frei. Was wollen die mit den Wasserwerfern hier. Die mussten dann auch stoppen, nicht wegen der Leute, die gingen zur Seite, wenn auch nicht leise, sondern wegen der Polizeikette. Und dann passierte es. An der Wand des ersten Wasserwerfers schepperte was. Dann flog noch ein Plastikbecher gegen gepanzerten Wagen. Selbst wenn das erste Wurfgeschoss eine Bierflasche gewesen ist, die wohlgemerkt nicht richtig Fenster flog, sondern gegen die gepanzerte Wand des Fahrzeugs und einfach total dämlich ist, ein Polizeifahrzeug zu bewerfen, so trägt es dann aber auch nicht gerade zur Deeskalation bei, mit dem zweiten Wasserwerfer einfach mal in die ungefähre Richtung draufzuhalten, aus der wahrscheinlich geworfen wurde. Dann machte die Polizei die Kette auf und ließ die Fahrzeuge passieren, uns jedoch noch immer nicht.

Nun gut, da wir also nicht zum gepflegten Getränk ins Jolly kamen aber Durst hatten, ging's also zurück zum Stadionvorplatz. Immerhin noch mal die Chance, die halbe Mannschaft beim Weg aus dem Stadion zu verabschieden. Ganz schön gefährlich, so ein Gefahrengebiet, wenn sich selbst Profilfußballer mit ihren Freundinnen/Frauen einfach so raustrauen und an geschätzten 50 Polizisten vorbei und zwischen unzähligen Mannschaftswagen hindurch ohne große Sorge die Straße überqueren.

Nach einiger Zeit rückten die Polizisten dann teilweise ab und der Weg zum Jolly war frei. Naja, zumindest bis zur gegenüberliegenden Straßenseite. Denn direkt vorm Jolly waren immer noch jede Menge Polizisten, der Zugang zur Paulinenstraße komplett zu. Also erstmal abwarten, was hier los ist. Wir wussten immer noch nicht, was der ganze Aufzug hier sollte. Und die Annahme „irgendwas muss ja hier passiert sein" fällt zu mindestens mir nicht ganz so leicht. War wohl diesmal aber so, doch dazu später noch. Irgendwann zogen dann auch die letzten rund 100 Polizisten ab und wir dann auch.

Rückreise diesmal dann auch über Altona und wieder – nix. Kurzer Einschub. Beim Warten auf die S-Bahn an Landungsbrücken wurden wir von zwei älteren Damen angesprochen, ob wir beim Spiel waren. Die erste Frage war: „Wie ist es ausgegangen" – „3:0" – „Für die anderen" – „Um Gottes Willen" – „Dann ist ja gut." Erst dann: „Und? Gab's Krawall" – „Irgendwas war wohl, aber wir haben nichts gesehen." Jaja, wir St. Pauli Fans sind alle Chaoten und zum Fürchten.

Im Blätterwald

Fangen wir mit der Berichterstattung an. Und nehmen wir als Ausgangspunkt einfach mal den Pressebericht der Polizei und schauen mal, was daraus geworden ist.

Pressemitteilung der Polizei: „Die Marschroute der etwa 1.700 Fans des FC. Hansa Rostock führte vom Bahnhof Hmb.-Altona etwa vier Kilometer durch Altona zurück zum Bahnhof und wurde vom Versammlungsleiter gegen 14.00 Uhr für beendet erklärt. Der Aufzug verlief ohne Störungen und die Rostocker Fans verließen Hamburg planmäßig mit dem Zug vom Hamburger Hauptbahnhof."

Im Hamburger Abendblatt heißt es dazu leicht ergänzend: „Unter den Hansa-Fans gab es laut Polizei lediglich zwei Festnahmen. Einer soll mit einer Dose nach einem Hamburger Fußballfan geworfen haben. Ein zweites Mal griff die Polizei ein, als ein Demonstrant während des Protestmarsches einen Böller zündete. Die Veranstalter riefen immer wieder zur Friedfertigkeit auf."

Pressemitteilung der Polizei: „Kurz vorher war einem Besucher des Fußballspieles durch eine kleinere Gruppe von Anhängern des FC St. Pauli eine Jacke geraubt und verbrannt worden."

Hierzu habe ich nichts in der Presse gefunden. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll die die erwähnte Jacke jedoch von der Marke Thor Steinar gewesen sein.

Pressemitteilung der Polizei: „Kurz nach 15.00 Uhr wurden Polizeikräfte in der Budapester Straße massiv mit Steinen und Flaschen beworfen, anschließend wurden Polizeibeamte im Bereich Paulinenstraße/Thadenstraße mit Würfen attackiert. Ein Polizeibeamter wurde durch einen Flaschenwurf am Kehlkopf verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Im Bereich Neuer Pferdemarkt wurden die Pferde und Reiter der Hamburger Reiterstaffel mit Signalmunition beschossen, so dass die Einheit aus dem Einsatz abgezogen werden musste. Immer wieder musste die Hamburger Feuerwehr ausrücken, um brennende Müllcontainer und Dixie-Klos im Bereich St. Pauli zu löschen. In der Gerhardstraße wurde ein Lokal entglast und gegen 16.15 Uhr schleppten Störer im Bereich Clemens-Schulz-Straße/Thadenstraße, wie bereits zuvor in der Annenstraße, Baustellenmaterial auf die Fahrbahn, so dass der Fahrverkehr blockiert wurde."

Die BILD hat das Ganze so gesehen: „Schon vor der Abreise der gegnerischen Fans zogen die autonomen „Ultras" des FC St. Pauli eine Spur der Gewalt durch ihren Kiez. Auf der Paulinenstraße standen Polizisten im Stein- und Flaschenhagel. Ein Beamter wurde am Kehlkopf getroffen und schwer verletzt. Am Neuen Pferdemarkt schossen die Chaoten Signalmunition auf Polizeipferde, warfen Böller auf die verängstigten Tiere. Die Krawallmacher demolierten Autos, zündeten Barrikaden an, warfen die Scheiben des Kult-HSV-Pubs „Tankstelle" an der Gerhardstraße ein."

In der MoPo lese ich: „Das Millerntor, kurz vorm Abpfiff: Die St. Pauli-Fans freuen sich über das 3:0. Doch vorm „Jolly Roger" (Budapester-Straße) und dem „Knust" (Neuer Kamp) stehen einige St. Pauli-Anhänger, die nichts als Randale wollen. Plötzlich fliegen Steine auf Polizisten, es werden Böller gezündet. Selbst die Reiterstaffel wird attackiert. Die Tiere werden mit Leuchtkugeln beschossen. Mit Wasserwerfern und Pfefferspray versuchen die Beamten, die Randalierer auseinanderzutreiben. Zuerst ohne durchschlagenen Erfolg."

In der taz hingegen wurde das ganze etwas nüchterner betrachtet: „Ein Gruppe organisierter junger Autonomer greift eine Gruppe Polizisten aus der Paulinenstraße heraus so schlagartig an, dass diese die Flucht ergreifen. Wenig später fahren Wasserwerfer auf und rücken Festnahme-Einheiten an. Es kommt zum Wasserwerfer-Einsatz und wieder fliegen Steine und Flaschen. Die Randale schwappt auch auf die umliegenden Straßen St. Paulis über. Nach kurzer Zeit und einsetzendem Regen beruhigt sich aber dann die Lage wieder."

Ich war bei keiner dieser Aktionen dabei und kann daher nicht sagen, was stimmt. Aber schon interessant zu sehen, dass der Polizeibericht zumindest in den zitierten Passagen keine Zuordnung der Randalierer vornimmt und nur in Zusammenhang mit Ausschreitungen in Marktstraße St. Pauli Anhänger erwähnt, die taz immerhin differenziert und von einer „Gruppe organisierter junger Autonomer" spricht, die MoPo zumindest nur „einige St. Pauli-Anhänger" beobachtet, die BILD aber wissen will, dass es „autonome Ultras des FC St. Pauli" waren.

Pressemitteilung der Polizei: „Ab etwa 17.00 Uhr hielten sich noch etwa 200 St. Pauli-Anhänger auf dem Stadionvorplatz und etwa 300 bis 400 im und vor dem Vereinslokal in der Budapester Straße auf."

Stimmt. Das kann ich bestätigen. Da war ich dabei. Die Sonne schien und es war friedlich. Ich habe sogar einen Polizisten gesehen, der einen St. Pauli Fan auf der Verkehrsinsel vorm Jolly Roger umarmt hat.

22042012 Jolly Roger

Und für Ortsunkundige: Das Jolly Roger liegt in der Budapester Straße, nicht in der Paulinenstraße. Wenn man also dem Polizeibericht liest, ist es unmöglich, dass der Angriff auf die Polizisten vom Jolly ausgegangen ist.

Und nochmal zur Klarheit: Diese Angriffe mit Flaschen, Steinen und Signalmunition auf die Polizei ist einfach nur dämlich und absolut unnötig. Und wer auf einer Bierkiste stehend lauthals Sonderpreise für die Flaschen anbietet, wenn der Käufer damit einen Polizisten am Kopf trifft, muss sich auch nicht wundern, wenn er ‚versehentlich' von seiner Kiste gerempelt wird (so schmunzelnd gegenüber des Jolly beobachtet).

Aber – eine Gruppe am Rand stehender Menschen aufzufordern, sich von den nicht mehr anwesenden Störern und Gewalttätern zu distanzieren und dann Wasser gegen diese einzusetzen ist nicht nur unverständlich, sondern trägt auch nicht gerade zur Deeskalation der Lage bei, liebe Polizei.

Und noch ein paar Denkanstöße

Das eine Viertel (St. Pauli) wird zum Gefahrengebiet erklärt, das andere (Altona) nicht. Warum? Wenn man der Polizei in ihrem Antrag zum Verkaufsverbot glauben soll, ist die Anzahl der Problemfans doch auf beiden Seiten gleich.

Im Gefahrengebiet gibt es – wie an jedem Spieltag – rund um das Stadion fliegende Händler, die Bier in Glasflaschen verkaufen dürfen. Warum? Wenn es dort doch so gefährlich werden kann, ist es vielleicht nicht die beste Idee Alkohol und potentielle Wurfgeschosse frei zugänglich zu machen.

Im Stadion gab es Vollbier. Warum? Ach ja, keine Gästefans. Wie sinnvoll, vor allem, wenn sie dann doch auftauchen können.

Eine normale Zweitligasaison hat 17 Heimspiele und bei 14 davon (es gab ja auch das Hauswärtsspiel in Lübeck und Paderborn steht noch aus) wurde das Viertel nicht zum Gefahrengebiet erklärt und es gibt keine Angriffe auf die dennoch anwesende Polizei.

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